Schnee Fall
Wälder, Schnee, Eis und eine Sonne die es scheinbar nicht wagte, die gefrorene Pracht zu stören. Das war die eisige Landschaft östlich von Murmansk mit dem Aussehen, das jeden Postkartenfotografen entzückt hätte. Es war die Welt der vier Gestalten die lautlos über den Schnee eilten. Drei weiße Schneemobile bildeten die Vorhut, als wären sie vor das vierte gespannt, das ihnen folgte. Eine moderne Troika, die sich, als sie das Ziel erreichten nicht verbarg, sondern offen zwischen diejenigen fuhr, die Lärm und Hässlichkeit in die Stille brachten.
Einer der Holzfäller ließ seine Kettensäge sinken und betrachtete mit einem fast zahnlosen Grinsen die Gestalt, die vom vierten Schneemobil stieg. Der Holzfäller war nicht klein, aber der Fahrer des Schneemobils überragte ihn doch als er bis auf eine Armlänge heran war.
„Ah, Väterchen Frost, bist du gekommen um uns Geschenke zu bringen?“
Aufgewirbelter Schnee hatten den Bart des Mannes, den der Holzfäller Väterchen Frost nannte weiß gefärbt.
„Wer ist für das hier verantwortlich?“ Der Mann in dem Mantel aus Wolfsfellen machte eine umfassende Geste, die das ganze Areal der Baumstümpfe umfasste. In einer Hand trug er einen Stab, dessen spitzes Ende blau glühte.
„Mütterchen Kettensäge und der Hunger in meinem Bauch“, der Holzfäller hob die Säge drohend in Richtung des Neuankömmlings, drehte sich dann um und widmete sich dem Baum den er vor der Ankunft des seltsamen Mannes und seiner drei Begleiter gefällt hatte. Die vier hinderten ihn nicht daran, aber der Mann der aussah wie Väterchen Frost berührte die Kettensäge mit seinem Stab. Die Maschine vereiste sofort. Der Holzfäller zog verdutzt seine Hände aus den an der Säge fest gefrorenen Handschuhen.
„Geh' hole euren Chef. Für diejenigen, denen der Hunger ein Loch in den Bauch beißt habe ich Geschenke dabei.“
Der Holzfäller sah zu Boden.
„Wir bekommen unserer Anweisungen von Sergej und der von dem Mann der ihm das Handy geschenkt hat. Hier sind nur wir Arbeiter“
„Wo ist dieser Sergej?“
„Er kommt einmal in der Woche und holt dass Holz ab.“
Die drei vermummten Gestalten hatten mittlerweile die in weiß getünchte Planen gewickelten Pakete von den Schneemobilen genommen und feuerten die Gulaschkanone der Holzfäller an.
Als der Duft von Eintopf durch das Holzfällerlager zog, verschwanden Misstrauen und aufkeimende Wut aus den Gesichtern der Männer, die sich nach und nach bei den Neuankömmlingen einfanden. Nur einer starrte weiterhin misstrauisch in Richtung von Väterchen Forst.
„Was ist mit dir?“ Der graue Mantel schleifte über den zertrampelten Schnee zwischen den Baumstümpfen als Väterchen Frost zu dem Mann ging und ihm einen Blechnapf mit Suppe hinhielt..
„Sergej wird uns umbringen.“
„Dafür muss er euch erst einmal finden. Hier wärme dir den Magen, wir brechen auf sobald ihr alle satt seit. Als der frühe Abend herein brach, legte sich erster frischer Schnee über das verlassene Holzfällerlager. Wie von Geisterhand verschwanden die geschlagenen Stämme als ein weiterer leiser Trupp diese mitten in der Nacht abholte.
***
„0209!" Dawai, los, schnell, mach hin. Eins der wenigen Worte die Ela verstand, und schon bekam sie einen Schubs. Sie fiel, eine Hand um ihre Kamera verkrampft aus der Kühle im Bauch des Hubschraubers. Hinein in eine Kälte die ihr wie mit Zähnen ins ungeschützte Gesicht biss. Im Dämmerlicht des Morgens sah sie, als sie den Weiten der Taiga entgegen trudelte, den brennenden Militärhubschrauber über sich. Der riesige Mil Mi-26 hatte seine ganze Kraft eingebüßt mit dem er bis eben noch über sechzig vermummte Sondereinsatzkräfte transportiert hatte. Waren sie nicht eben erst von Finnland aus abgeflogen? Und jetzt fiel sie Eis und Wäldern entgegen. Dann öffnete sich ihr Fallschirm automatisch. Der Ruck nahm ihr den Rest Luft, den ihr die Kälte noch nicht genommen hatte und auch den Blick auf das zu Boden stürzende Wrack.Weitere Fallschirme erblühten um sie herum wie zu groß geratene Schneeflocken. Alle grau weiß, wie die Schneeuniformen derer, die an ihnen hingen.
Ein Windstoß packte Ela und trieb sie von den Anderen weg. Bis vor wenigen Augenblicken war ihre Reise noch ein großes Abenteuer gewesen. Eigentlich hätte ihr Freundin Nadja diese Reise machen sollen, aber der war irgend etwas wichtiges, familiäres dazwischengekommen.
„Ich muss Weihnachten einen anderen, wichtigen Bericht schreiben, flieg du mit diesen Russen mit – einfach ein paar Fotos machen und das was sie sagen auf das Diktiergerät aufnehmen und fertig. Beeile dich, in zwei Stunden geht dein Flug nach Helsinki.“
Ela war keine Journalistin, sie war nicht einmal richtige Fotografin. Sie fotografierte nur gerne. Anscheinend war es den Militärangehörigen ganz recht gewesen das sie nur Begleiterin war. Jedesmal wenn sie die Frage „ 5?>@BQ@?“, Reporter? Korrespondent? Mit einem Kopfschütteln beantwortet hatte, war das Verhalten der Soldaten ihr gegenüber entspannter geworden. Auch das sie nicht wild in der Gegend herum fotografierte, sondern wartete bis jemand nach einem Foto verlangte schien dazu beizutragen.
Jetzt aber lief ihre Kamera auf Film Modus. Als klar war das die Hubschrauber angegriffen wurde hatte Iwan ihr befohlen einen Film davon zu machen. Die um sie herum nieder schwebten nannten sich selbst alle Iwan. Ob das ein Spass mit ihr war oder einfach nur zur Tarnung gehörte wusste Ela nicht. Dann fiel sie, die Kamera schützend nach oben haltend. zwischen den Bäumen hindurch und landete im Schnee. Als sie sich sicher war, das der Fall zu ende war, sie sich nicht in einem Baum verheddert hatte und kein hungriger Bär sie verschluckte, stand Ela vorsichtig auf. Der Schnee reichte ihr bis fast ans Knie. Die Kamera filmte noch und Ela machte einen Rundumschwenk, nur um sich in den Leinen des Fallschirms zu verheddern. Sie packte ihre Kamera in die Tasche und löste die Fallschirmgurte. Solange es etwas zu tun gab erschien ihr alles nicht so schlimm, aber als sie, befreit vom Fallschirm immer noch einsam im Wald stand schlich sich ein erstes Unwohlsein an sie heran wie Wolf.
„Hallo!“ Rief Ela in die Stille. Dann erschrak sie über ihren eigenen Mut – was wenn die Angreifer in der Nähe waren? Das die illegalen Holzfäller bewaffnet waren, hatte man ihr gesagt – aber das sie selbst den hoch fliegenden Hubschrauber abschießen konnten war auch dem Piloten neu gewesen.
Über sich sah sie nur rosa Himmel. Es würde ein kurzer Tag werden um Rettung aus Murmansk zu schicken das irgendwo nordwestlich lag.
"Die Sonne geht im Osten auf", Ela drehte sich bis sie die Sonnenstrahlen im Rücken hatte und marschierte los.
***
Ein einzelner Piepston weckte alle, die bis jetzt geschlafen hatten, noch bevor die Wachhabenden Soldaten auch nur eine Chance bekamen ihre Kameraden und ihren Vorgesetzen zu alarmieren. Fast schon gespenstisch leise glitten Körper unter Wolldecken hervor, berührten Füsse den Eisboden der Unterkunft. Außerhalb der Eishöhle schob sich das erste Licht des Morgens langsam in die gefrorene Welt deren Minusgrade auch tagsüber immer zweistellig blieben. Als würde der Gedanke daran, dass es draußen kälter war als in jedem Kühlschrank die Männer die Kälte in der Höhle als warm empfinden lassen, gingen sie barfüßig über den Boden zu der Stelle wo Bretter den Bach abdeckten, der scheinbar auch in der Höhle Zuflucht gesucht hatte. Klaglos tauchten die ersten in eisige Nass und schrubbten sich gegenseitig die Müdigkeit aus den Knochen. Nach diesem Bad erschien ihnen die Höhle wirklich warm.
Auch ihr Kommandant, Major Moros, glitt lautlos unter seiner Decke hervor, rollte diese zusammen und hörte sich den Bericht des Wachhabenden an, dann nickte er und gab dreien seiner Leute ein Zeichen, bevor er selbst zum Bach ging und sich wusch. Er war so breit und gross das er sich im Bach nieder kauen musste um sich richtig zu waschen. Im Gegensatz zu seinem Trupp trug er den für ihn vorgeschrieben Bart – hinderlich wenn man sich nur in eisigen Umgebungen bewegte.
„Major Moros, wir haben Meldung von Hauptmann Kowalski, keine Toten, aber sie vermissen eine Fotografin die kein Peilgerät bei sich hatte. Kowalski und seine Leute suchen schon das Absturzgebiet ab.“
Moros nickte. Die Sonne schickte ihre ersten Strahlen durch die eisige Nachtkälte als Moros mit seiner Troika vor sich aufbrach. Sie waren zu wenige für eine große Suchaktion, aber zwei weitere Leute seines Trupps würden der Hubschrauberbesatzung bei der Suche helfen und er würde sich mit seinen drei Begleitern um das nächste illegale Holzfällerlager kümmern.
***
Jeder Schritt war mühsam. Ela zog erneut einen Fuß aus dem Schnee und trat dann das nächste tiefe Loch in die weisse Pracht. Wenigstens wurde ihr dadurch warm. Der Wind trug ein fernes Dröhnen an ihr Ohr, oder war das nur ein Wunschtraum? Nein, da jaulte wirklich eine Maschine. Ela hielt auf das Geräusch zu, aber der Wald schien mit dem Echo zu spielen. Oder war es mehr als ein Motor? Dann schien der Wald in der Ferne heller zu werden. Ela stapfte auf den lichteren Teil des Waldes zu. Eine Lichtung wäre ideal für ein Signalfeuer.
"Wie ich das an bekomme überlege ich dann", sagte Ela zu sich selbst. Manchmal war es nicht so gut Nichtraucherin zu sein. Dann brach der Wald plötzlich ab und gab den Blick auf eine gerodete Fläche frei. Der Schnee war zwischen den Baumstümpfen platt getreten und von Ketten aufgewühlt. Das war es wovon sie Fotos machen sollte. Eins der illegalen Holzfällerlager. Aber ihre Finger waren so steif vor Kälte das sie kaum die Kamera aus der Tasche bekam.
"Mist!" Ela drückte mehrmals auf den Anschalter, anscheinend hatte der Akku bei der Kälte kapituliert. Dann hörte sie das Brechen von Holz und Gelächter. Sie duckte sich hinter einen Baumstamm. Nicht weit von dem Punkt an dem sie den Wald verlassen hatte, fiel ein Baum um. Zwei Männer begannen ihn sofort zu entasten. Ela wollte schon aufspringen und zu den Holzfällern laufen, aber dann bemerkte sie den dritten Mann, der locker eine Waffe vor dem Bauch trug und sich wachsam umsah. Wahrscheinlich war das, das Lager der Leute die den Hubschrauber abgeschossen hatten. Ela legte die Kamera in einen zersplitterten Baumstumpf und drapierte einen Ast darüber, dann schlich sie in der Deckung der noch nicht gefällten Bäume weiter.
Erwischt zu werden war sicher nicht gut, aber jetzt da sie die Kamera versteckt hatte, überlegte Ela ob es nicht besser war diese Leute um Hilfe zu bitten bevor der kurze Tag zuende ging und die Nacht hereinbrach. Als man ihr etwas in den Nacken drückte wurde sie von dieser Entscheidung entbunden.
Sie verstand kein Wort als man sie auf die Beine zerrte, dann bekam sie mehr von dem illegalen Holzfällerlager zu sehen, als sie gehofft hatte. Einfache Baracken, Lastwagen mit Antriebsketten dort wo normalerweise die Hinterräder waren und überall Dreck und Müll. Sie sah sich um, bis ihr jemand einen Sack über den Kopf stülpte. Sie wagte es nicht sich zu wehren als man sie durchsuchte. Aber mehr als ihren Geldbeutel mit Ausweis würde man nicht finden. Verräterisch war nur der gefütterte Armeeoverall den ihr die Besatzung des Hubschraubers gegeben hatte, weil denen ihr deutsches Winteroutfit zu kalt erschien. Dann wurde sie auf die Pritsche eines Lastwagens geschubst. Als man ihr den Sack wieder abnahm sah sie in die Gesichter mürrischer Holzfäller. Niemand sprach ein Wort, was bei dem Krach den das Fahrzeug machte sowieso unmöglich war. Dann kam es mit einem Ruck zum Stehen. Befehle durchschnitten die Luft und die Holzfäller kletterten vom Lastwagen. Ela folgte ihnen.
Vor dem Fahrzeug standen zwei Mitglieder der Hubschrauber Besatzung und hielten den Fahrer in Schach der sich mit erhobenen Händen an das Fahrerhaus des Fahrzeuges drückte. Dann erkannte einer von ihnen Ela.
Er winkte sie zu sich heran und bedeutete ihr hinter einem Baum Deckung zu suchen. Ela hörte wie er etwas in sein Funkgerät sprach, dann eine Antwort bekam.
Kurz darauf erschienen drei Schneemobile aus dem Wald, gefolgt von einem etwas größeren mit Ladefläche. Gerede und Gelächter erhob sich unter den Holzfällern. Jetzt bedauerte Ela das sie ihre Kamera zurückgelassen hatte.
Der Mann ähnelte Bildern die sie bei Nadja zuhause gesehen hatte. Väterchen Frost. Die russische Variante des Weihnachtsmannes. Dumpf erinnerte sie sich das er eigentlich kaum etwas mit Weihnachten zu tun hatte - eher als Herr über Eis und Schnee gesehen wurde.
Der Fahrer des Lastwagens schien genug von dem Schauspiel zu haben, wie die Holzfäller voller Unglauben und Belustigung den Neuankömmling musterten und kletterte schnell ins Fahrerhaus. Das Fahrzeug ruckte auf seinen Antriebsketten los, direkt auf Väterchen Frost zu. Dieser berührte lediglich die Motorhaube mit einem Stab und der LKW vereiste schlagartig, der bisher dröhende Motor erstarb und mit ihm jeder Gedanke an Widerstand in den Köpfen der Holzfäller..
"Kommen sie!" Die zwei Worte waren mit einem schweren Akzent unterlegt, aber verständlich. Ela ergriff die ihr entgegen gestreckte Hand und ließ sich von Väterchen Frost auf die Beine ziehen. „Was habe ich denn hier gefunden? Ein Schneemädchen wie es scheint.“
***
Ela trug einen pelzverbrämten Mantel und eine ähnliche Kopfbedeckung wie Väterchen Frost oder Major Moros. Ob dieser Name echt war wusste sie auch nicht - Des Moros hieß übersetzt Väterchen Frost. Aber für ein Väterchen war der Mann dessen Haar und Bart zwar weiß war, der aber keum älter erschien als sie selbst, viel zu jung. Sie gingen durch einen noch schlafenden Aussenbezirk von Murmansk. Hier wohnten sieben der illegalen Holzfäller die Major Moros in den letzten Tagen hatte festsetzen und zurück an ihre Wohnorte bringen lassen.
Die Häuser hier glichen eher Gartenhütten. Vor jede legten Mores Leute einen Stapel Brennholz, in die Briefkästen der Holzfäller warf Ela die Umschläge mit den neuen Arbeitsverträgen. Die ersten richtigen Verträge die diese Leute vielleicht in ihrem Leben bekamen. Drei der Häuschen hatten noch nicht einmal Briefkästen, aber die Holztüren waren rissig genug um die Umschläge hinein zu klemmen.
"Das ist doch nur ein Tropfen auf den heissen Stein", sagte Ela.
"Jeder Tropfen gibt einer Familie richtige Arbeit und Hoffnung Schneemädchen", sagte Moros dessen Vorfahren schon die Wälder beschützt hatten.
„Was passiert eigentlich mit den Bossen dieser Tagelöhner?“ Fragte Ela.
„Die machen sich grade bei den nicht korrupten Mitarbeitern der Polizei lächerlich. Gefangengenommen von Väterchen Frost. Die Maschinen mit einem magischen Stab eingefroren, Wer glaubt denn so etwas!“
Dann verließen sie die Stadt wieder auf ihren schallgedämpften Schneemobilen. Väterchen Frost, Schneemädchen und ihre Schlitten Troika - wie ein unwirklicher Wintertraum in der schneestillen Morgenluft.
ENDE
2011 Iris Bergmann
War für den Animexx Geschichten Adventkalender, mein Thema war "Väterchen Frost"
Leider ist der Holzdiebstahl keine Utopie:
http://www.3sat.de/page/?source=/ard/sen...5243/index.html
Väterchen Frost:
http://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%A4terchen_Frost
Schneemädchen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Snegurotschka
__________________ Schildkröten wären wahrscheinlich viel schneller, wenn sie wüssten, dass sie einen cw-Wert von 0,3 haben.
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